… sed vitae…

Von Michael Müller

Es ist schon ein paar Jahre her: Ich war entsprechend jünger und brauchte das Geld, als mich eine international bekannte Unternehmensberatung beauftragte, eine europäische Expertenkonferenz – ich glaube, es ging irgendwie um die Zukunft Telekommunikation – journalistisch zu begleiten. An das Ergebnis dieser Konferenz kann ich mich nicht mehr genau erinnern. Nachdem das denkwürdige Ereignis aber schon einige Jahre zurückliegt und wir immer noch telefonieren, nehme ich an, dass diese Konferenz ein voller Erfolg gewesen sein muss.

Es ist aber nicht das Ergebnis, das diese Konferenz für mich so denkwürdig macht, sondern deren Vorbereitung. Wie sich das für eine global agierende Unternehmensberatung gehört, wurden keine Kosten gescheut und die Veranstaltung bis ins allerletzte Detail durchgeplant. Am Veranstaltungsort – Berlin – war der große Konferenzsaal eines bekannten Hotels am Pariser Platz gebucht worden und daheim in Düsseldorf wurde der Ablauf im Verlaufe mehrerer Meetings akribisch durchgeplant. Meine Aufgabe würde darin bestehen, die Konferenz zu verfolgen und alles Berichtenswerte zur späteren publizistischen Nutzung niederzuschreiben. Dazu wurde mir ein Katzentisch und ein Laptop zugeteilt. Ich habe mein Geld schon unter weniger zumutbaren Bedingungen verdient.

Im Verlauf dieses Gesprächs stand irgendwann auch die Frage im Raum, ob ich denn im Laufe der zweitägigen Konferenz irgendwelcher Verpflegung bedürfe. Nachdem ich bereits mit Katzentisch und Laptop überreich bedacht war, entschied ich mich für Bescheidenheit und erklärte, ich könne mich auch mit Hilfe irgendwelcher Energie-Riegel über die Tage retten. Damals, das sollte ich vielleicht hinzufügen, trieb ich noch regelmäßig Ausdauersport und wusste, dass derartige Riegel durchaus den Bedarf an Kohlehydraten decken, der während eines Laufs über 30 km oder einer Radtour über 90 km entsteht.

Kaum hatte ich diesen Hinweis auf meine Bescheidenheit geäußert, blickte die Unternehmensberaterin, der die konkrete Durchführung der Veranstaltung oblag, von ihrem Blöckchen auf und erklärte ihrerseits, dass auch sie beste Erfahrungen mit diesen Energie-Riegeln gesammelt habe. Ich muss ihr wohl einen etwas skeptischen Blick zugeworfen haben, denn sie fügte dann noch rasch hinzu, sie behelfe sich mit diesen Riegeln, wenn sie bis spätabends noch an irgendwelchen Projekten arbeiten müsse.

Da skeptische Blicke normalerweise nicht zu dem gehören, womit ich um mich werfe, sollte ich an dieser Stelle etwas mehr ins Detail gehen: Die junge Dame, der ich jenen Blick zugeworfen hatte, mag damals so um die 30 Jahre alt gewesen sein, machte einen eher unsportlichen – um nicht zu sagen verhärmten – Eindruck und bekleidete in der Beratungsfirma den Rang eines „Prinzipals“. Das ist so eine Art Junior-Seniorberater, der zwischen dem normalen Berater und dem Partner (der am Unternehmen beteiligt ist) steht und darauf wartet, zum Partner befördert zu werden. Aus dieser Position kann man sich dann aussuchen, ob man innerhalb der Beratungsfirma das große Geld macht, oder sich doch lieber in den Vorstand eines Dax-100-Unternehmens berufen lässt.

In so eine Position kommt man nicht von ungefähr: Man braucht in möglichst jungen Jahren ein möglichst gutes Abiturzeugnis und sollte allerspätestens mit 23 Lenzen über mindestens einen hervorragenden akademischen Abschluss (BWL oder Jura, vorzugsweise beides) verfügen. Erfahrungen an internationalen Hochschulen, Mehrsprachigkeit werden ebenso gern gesehen wie eine erfolgreiche Promotion. Heuert man dann tatsächlich bei einer der großen, internationalen Unternehmensberatungen an, ist man erst mal „Analyst“ und darf einem Berater zuarbeiten. Wochenenden oder 40-Stunden-Wochen sind dabei die Ausnahme. Hat sich ein Analyst bewährt, darf er als Berater weitermachen. In dieser Position ist eine 60- bis 70-Arbeitsstunden-Woche die Regel. Dass der vom Berater zum Prinzipal erhobene Mitarbeiter an mindestens sechs Tagen der Woche von 7:00 Uhr bis 22:00 Uhr durcharbeitet und das eben nur mit Energie-Riegeln überlebt, habe ich wohl schon angedeutet.

Alles in allem sprechen wir also über eine Karriere, die voraussetzt, dass man sich nach dem Abitur für mindestens zwölf Jahre von jeglichem Privatleben verabschiedet: Kein Kino, keine Feten, keine nächtelangen Diskussionen und Saufereien, kein langes Ausschlafen – und keine Zeit zum Nachdenken. Am Ende des Weges allerdings lockt eine attraktive Position: Ob man nun in beratender oder exekutiver Funktion tätig ist – man dreht am großen Rad, lenkt die Geschicke der Wirtschaft und beeinflusst die Schicksale tausender Arbeitnehmer. Ob man dafür nach einem solchen Werdegang allerdings auch qualifiziert ist, wage ich zu bezweifeln.

Wahrscheinlich vermuten Sie nun, dass dies ein weiterer Versuch meinerseits ist, Ihnen die aktuelle Wirtschaftskrise zu erklären. Und obwohl diese Krise möglicherweise hätte verhindert werden können, wenn der eine oder andere beteiligte Manager oder Berater mal kurz innegehalten und nachgedacht hätte, liegen Sie ausnahmsweise falsch.

Die Begebenheit mit der jungen Prinzipalin, die seit Jahren keine Sonne mehr gesehen hatte, fiel mir wieder ein, als ich erfuhr, dass die Studenten an deutschen Hochschulen derzeit protestieren, weil die Bachelor- und Master-Studiengänge ihnen keine Chance mehr lassen, mal ins Kino oder auf eine Fete zu gehen, mal eine Nacht mit Bier und Diskussionen rumzubringen oder einfach mal auszuschlafen.

Der Bedarf der Wirtschaft an fleißigen Befehlsempfängern ohne persönliche Erfahrungen und Privatleben scheint offenbar ungebrochen.

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