Es ist kurz vor fünf Uhr am Morgen, ich bin noch wach, wenn auch müde. Gerade habe ich meinen Laptop vier anderen Augen überantwortet, um die eben verfasste Stellungnahme gegenlesen zu lassen. Gelegenheit für einen Spaziergang durch die stillen Räume der Neuen Universität. Selbst zu dieser Uhrzeit lebt das Gebäude, ruhig und entspannt ist die Atmosphäre, ganz anders als am Tag. Der angehaltene Uhrzeiger gewinnt an Präsenz. In der Hängematte davor liegt regungslos und friedlich ein Besetzer. In wenigen Stunden werden angehende Juristen an ihm vorbeilaufen – an Kontrasten mangelt es nicht in diesen Tagen. Die schrille Glocke, keine drei Meter Luflinie entfernt, ist mit gelbem Stoff zum Schweigen gebracht worden und hat so gleichzeitig ein adrettes Mäntelchen bekommen. Ich schlendere weiter durch einen langen Flur. Ein Putzwagen heuchelt alltägliche Normalität – befremdlich. Die heiligen Hallen sind bunter geworden, viele Kleinigkeiten, winzige Details, lassen sich für Eingeweihte der entsprechenden Bewegungen lesen und zeugen von der Diversität der offenen Bewegung. Die Gedanken schweifen ab zu den Menschen, die ihren sozialen Mittelpunkt hierher verlegt haben, sich auf dieses Wagnis eingelassen haben – aus Experimentierfreude, Überzeugung, Idealismus, was auch immer. Unter denen sich anders leben läßt, in einer Kultur des beständigen Miteinander, des Vertrauens und der Offenheit. Ein Künstler macht in einem Winkel die Nacht zum Tag, kann nicht lassen von seinem Werk, seinem Arrangement, das Blätter mit einer halb demontierten Lampe vermählt. An einem Schaukasten bleiben meine Augen an einem Artikel hängen: “Dem lebendigen Geist. Neue Universität 2011+” – es wird ein großangelegtes Fundraising-Projekt bejubelt. Aber irgendwie entstammen Teile des Artikels einer anderen Welt:
Gerade vor dem Hintergrund des Heidelberger Profils als Volluniversität – als Ort des Dialogs, des Austauschs zwischen den vielfältigen Disziplinen – beweist das Motto [Dem lebendigen Geist, Anm. d. Autors], dass es an Aktualität und Attraktivität nichts eingebüßt hat. Und auch außerhalb der Wissenschaft soll der “lebendige Geist” auf offene Ohren stoßen: Bei den einzelnen Aktionen, die in regelmäßigen Zeitabständen stattfinden, ist die gesamte Bevölkerung eingeladen, an dem Projekt teilzuhaben.
- beschreibt das nicht, was wir hier gerade tun? Heiter wandere ich die Treppe hinauf. Hier hängen mittlerweile professionell gedruckte Cartoons. Der Umgang mit dem Gebäude hat sich gewandelt. Es ist nicht nur der Ruf “Wessen Unis? – UNSERE UNIS!”, nein, tatsächlich hat sich der Bezug verändert. Es ist nicht ungewöhnlich, einen Besetzer zu sehen, der ein Papier aufsammelt, das ein anderer Student fallen gelassen hat. Und dieses Sorge tragen um den Raum, diese Verbundenheit, findet auch Ausdruck in der wegen der Kurzfristigkeit und Mittellosigkeit vor Spontaneität sprühenden Ausgestaltung. Ein Gang zur Kaffeemaschine: Ein neues, liebevoll von Hand gemaltes Plakat.
Ein froher Ort zum Verweilen
In ruhiger Gasse stehn
ein schmuckes Häuschen
schön anzusehn
Gefüllt bis zum Dache
mit revolutionären Theorien
über der Pforte
Athene wache
Auf einem Strom der Kunst erbaut
an dessen Ufer alte Bäume sprießen
deren reiche Früchte man ersehne
Die wilde Jugend kommt und geht
zu feurigem Diskurse
und über allem die weiße Fahne weht
- die Farbe der Fahne war offensichtlich Gegenstand einiger Betrachtungen, denn das Weiß wurde durchgestrichen und nacheinander ersetzt durch: schwarze?, schwarz-rote?, bunte?, rosane?, glitzernde gelbe?, oder schwarze mit weißer Fahne? Es ist unsere Uni. Wohnlich, mit Café. Wo Banner neben Kinderzeichnungen hängen, und trotzdem Vortragsankündigungen Platz finden. Morgen ist Demo. Vielleicht werden diejenigen, die sich dazu hinreißen lassen, danach zu einem Workshop oder einem Kaffee mit in die Neue Universität zu kommen, die Farben im Plenumsprotokoll nicht sehen. Aber bestimmt werden sie das ungezwungene Lächeln bemerken, wenn die Besetzenden trotz der Augenringe mit Begeisterung von Videokonferenzen mit Österreich und den USA erzählen.