Kompetenz und Verantwortung
[...]
Der Großteil unserer institutionellen Erziehungsbemühungen hat zum Ziel, unsere Kinder zu trivialisieren. Ich verwende diesen Begriff “Trivialisierung” genau so, wie er in der Automatentheorie gebräuchlich ist. Dort ist eine triviale Maschine durch eine festgelegte Input-Output-Beziehung gekennzeichnet, während in einer nichttrivialen Maschine (Turingmaschine) der Output durch den Input und den internen Zustand der Maschine bestimmt wird. Da unser Erziehungssystem daraufhin angelegt ist, berechenbare Staatsbürger zu erzeugen, besteht sein Zweck darin, alle jene ärgerlichen inneren Zustände auszuschalten, die Unberechenbarkeit und Kreativität ermöglichen. Dies zeigt sich am deutlichsten in unserer Methode des Prüfens, die nur Fragen zuläßt, auf die die Antworten bereits bekannt (oder definiert) sind, und die vom Schüler auswendig glernt werden müssen. Ich möchte diese Fragen als “illegitime Fragen” bezeichnen. Wäre es dagegen nicht faszinierend, sich ein Erziehungssystem vorzustellen, das die zu Erziehenden enttrivialisiert, indem es sie lehrt, “legitime Fragen” zu stellen, d.h. Fragh, deren Antworten noch unbekannt sind?
[...]
Es liegt auf der Hand, daß unsere Gesellschaft als Ganze von gravierenden Funktionsstörungen befallen ist. Dies äußert sich auf der Ebene des Individuums schmerzhaft in Apathie, Mißtrauen, Gewalt, Isolierung, Ohnmacht, Entfremdung usw. Ich spreche hier von einer “Partizipationskrise”, denn das Individuum wird von der Mitwirkung am sozialen Prozeß zunehmend ausgeeschlossen. Die Gesellschaft wird zum “System”, zum “Establishment” oder was auch immer, zu einem unpersönlichen kafkaesken Monster von eigensinniger Böswilligkeit. Es fällt nicht schwer zu erkennen, daß der wesentliche Grund für diese Funktionsstörungen im Fehlen des adäquaten inputs für das Individuum ligt, mit seiner Gesellschaft zu interagieren. Die sogenannten “Kommunikationskanäle”, die “Massenmedien”, bieten nur eine Einbahnstraße: Sie reden, niemand aber kann darauf antworten. Da der Rückkopplungskanal fehlt, ist das System nicht zu kontrollieren.
Aus: Kompetenz und Verantworgung, in: Journal of Cybernetics, 2. Jg. H. 2, 1972