Focault: Wissen und Macht

Die einfache Gegenüberstellung von Vernunft und Unvernunft stellen Sie in Frage, wenn Sie sagen:„Man schreibt die Geschichte der Experimente an den Blindgeborenen, an den Wolfskindern oder mit der Hypnose. Wer jedoch wird die allgemeinere, unschärfere, aber entscheidendere Geschichte des Examens schreiben…? In dieser winzigen Technik steckt nämlich ein ganzer Wissensraum und ebenso ein ganzer Machttyp.“

Die Mechanismen der Macht sind in der Geschichte niemals gründlich analysiert worden. Man hat die Leute studiert, welche die Macht innehatten. Das war die anekdotische Geschichte der Könige, der Feldherren. Im Gegensatz dazu hat man dann die Geschichte der Prozesse, der ökonomischen Grundstrukturen erforscht, der man dann wieder eine Geschichte der Institutionen (und damit des sogenannten Überbaus) entgegengesetzt hat. Aber die Macht mit ihren umfassenden und detaillierten Strategien und Mechanismen ist niemals wirklich erforscht worden. Und noch weniger hat man sich mit den Beziehungen zwischen Wissen und Macht, mit ihren wechselseitigen Einwirkungen beschäftigt. Einer Tradition des Humanismus entsprechend meint man, dass das Wissen aufhört, wo die Macht anfängt: Die Macht macht irre, die Regierenden sind blind. Und nur diejenigen, die von der Macht weit weg sind, die mit der Tyrannei nichts zu tun haben, die in ihre Gelehrtenstube und in ihre Meditationen eingeschlossen sind, können die Wahrheit entdecken.

Ich habe nun den Eindruck, und ich habe das zu zeigen versucht, dass sich Macht immer an Wissen und Wissen immer an Macht anschließt. Es genügt nicht zu sagen, dass die Macht dieser oder jener Entdeckung, dieser oder jener Wissensform bedarf. Vielmehr bringt die Ausübung von Macht Wissensgegenstände hervor; sie sammelt und verwertet Informationen. Man versteht nichts vom ökonomischen Wissen, wenn man nicht weiß, wie sich die ökonomische Macht im täglichen Leben durchsetzt. Die Machtausübung bringt ständig Wissen hervor und umgekehrt bringt das Wissen Machtwirkungen mit sich. Die Ordinarienuniversität ist nur die sichtbarste, verkalkteste und ungefährlichste Form dieses Sachverhalts. Man muss schon sehr naiv sein, wenn man glaubt, dass die Verbindungen von Macht und Wissen im Universitätsmandarin gipfeln. Diese Verbindungen sind anderswo tiefer verankert, verstreuter, vertrackter und in anderer Weise gefährlich. Der moderne Humanismus täuscht sich also mit dieser Grenzziehung zwischen Macht und Wissen. Beide sind integriert, und man sollte nicht von dem Augenblick träumen, in dem das Wissen nicht mehr von der Macht abhängt. Damit würde man denselben Humanismus nur als Utopie wiederbeleben. Es ist nicht möglich, dass sich Macht ohne Wissen vollzieht; es ist nicht möglich, dass das Wissen nicht Macht hervorbringt: „Befreien wir die wissenschaftliche Forschung aus den Klauen des Monopolkapitalismus!“ – mag eine tolle Forderung und Parole sein, bleibt aber immer nur eine Parole.

Aus: Focault, Michel: Räderwerke des Überwachens und Strafens („Entretien sur la prison: le livre et sa méthode“, in: Magazine littéraire , Heft 101, Juni 1975).

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