Istvan Farkas: Gedanken zu Foucault

Das frühe 21. Jahrhundert – die Zeit in der wir unsere Leben leben werden; unsere Zeit – wird wohl im Zeichen einer globalen Aufklärung stehen, oder in dem eines blutigen Weltuntergangsfanatismus hinter frömmelnder Maske. Soweit es die Konsequenzen für den Bildungsbereich angeht, haben sich die meisten “Schwellenländer” bereits für das erstere entschieden. Deutschland nimmt sich jedoch seit 15 Jahren oder mehr einen ziemlichen Sonderweg heraus. Einen Sonderweg, der fort von Bildung um ihrer selbst willen und als Wert an sich führt, und hinein in ein Reich des Dünkels selbstdefinierter “Eliten”, des rutschigen Terrains des argumentum ad verecundiam [“die Elite sagt es, also stimmt es”.]; ein Reich, bei dem schon die Eintrittskarte in den Händen von Kopfnoten und Turboabituren liegt. Zwar nicht auf der Seite derjenigen die das Eschaton immanentisieren wollen, steht das geistige Leben in der BRD dennoch recht träge herum.

Was wurde nicht diskutiert über Sekundärtugenden! Was bei all dem völlig auf der Strecke geblieben ist, ist, daß eine Debatte über Primärtugenden einer über sekundäre voranzustellen wäre. Und kannst du, Leser_in, dich daran erinnern, in Deutschland eine öffentliche Debatte über Werte wie “Weisheit” oder “Gerechtigkeit” erlebt zu haben? Zumal in der Breite und Penetranz, mit denen “Pünktlichkeit” und “Gehorsam” als angebliche Grundlage eines zivilisierten Zusammenlebens eingefordert wurden? Gerade die Weisheit ist immer unbequem [“... the wreckers of outworn empires and civilisations, doubters, disintegrators, deicides.” (Haldane, 1923: Daedalus, or the Science of the Future)] und mit dem Gehorsam nur sehr begrenzt vereinbar. Denn sie speist sich aus der Erkenntnis zeitloser Wahrheiten, die keinen Tribut schuldig sind demgegenüber, das jetzt, und zwar genau jetzt, zack zack verlangt wird. [“Wenn einer mit Vergnügen in Reih und Glied zu einer Musik marschieren kann, dann verachte ich ihn schon; er hat sein großes Gehirn nur aus Irrtum bekommen, da für ihn das Rückenmark schon völlig genügen würde.” (Albert Einstein]

Denn wenig ist so unerschütterlich wie das Verlangen von Homo sapiens [“Der Weisheit besitzende Mensch”], weiter zu gehen, es besser zu machen, als die Vorfahren es taten. Es ist möglich, dieses Verlangen eine Zeitlang klein und dummdomestiziert zu halten, aber früher oder später wird es sich einen Weg suchen und aus seinem Kerker ausbrechen. Ob der Modernisierungswille der Gesellschaft sich morgen seinen Weg sucht, konstruktiv, mit Geist und Verstand, oder übermorgen, brachial, mit Füßen und Fäusten, ist eine politische Entscheidung, die im Heute getroffen wird.

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