Es ist das Fernweh der Seele, das Verlangen nach mehr, nach neuen Horizonten, das Menschen solche Dinge entdecken und erschaffen läßt. Die Sehnsucht nach der Welt hinter den Warnschildern am geistigen Bretterzaun. Niemand weiß genau warum, aber es treibt Menschen schon sehr lange. Der Makapansgat-Kieselstein ist vielleicht der älteste Hinweis, daß der Ursprung dessen, das wir heutzutage “Bildung” nennen, bereits vor mehr als 3 Millionen Jahren anzusetzen ist: ein von der Erosion interessant geformtes Steinchen kilometerweit mitzuschleppen, einfach um seiner selbst willen, tut kein Lebewesen, das wirklich “gar nichts” anderes muß außer “essen schlafen atmen und ficken”. Und sobald das Streben nach dem sich anschließenden “und…” einmal erwacht war, war es nicht mehr aufzuhalten.
Und es wäre töricht, diesem Drang zu widerstehen. Genauso, wie zu versuchen, ihn in ein “System” von “Wissenserwerb” zu zwingen; es ist, als wenn man einen Wildbach in eine Betonrinne zwingt: “bestenfalls” verkommt er zu einem müden Rinnsal zwischen Schutt und Schlamm; ansonsten bricht er sich irgendwann einen Weg und spült vielleicht ein halbes Tal hinweg.
Bildung mag manchmal eine Last sein, aber am Ende öffnet sie ein Tor zur Freiheit, zu mehr Freiheit. Wer sich mit den Gesetzen des Universums auskennt, liest Horoskope zur Unterhaltung oder gar nicht, und legt schon gar nicht das Schicksal in die Hand ferner toter Sterne. Wer erkannt hat, daß die Welt nicht in einem monumentalen Kraftakt binnen einhundertvierundvierzig Stunden aus dem Nichts geschaffen wurde, geht nicht in den Gottesdienst, um vor einem aufgesetzten Schuld-und-Sühne-Komplex zu entfliehen.
Und wie gesagt, Bildung ist nicht gleich Elitenkultur. Diese ist viel zu sehr vom Hype getrieben; der Geschmack von “Eliten” war stets teurer, aber kaum jemals weniger banal als der des “Pöbels”. Die besten DJs/janes haben kaum je eine Hochschulprofessur – viele noch nicht mal einen Hochschulabschluß – aber sie sind zweifellos sophisticated [von σοφός – “Weisheit, Bildung”] in dem was sie tun. Nicht, weil sie so viel Fakten wüßten oder Techniken gelernt hätten, sondern weil sie – im Rahmen ihrer Tätigkeit – über eine hohe Bildung verfügen. Keine Allgemeinbildung, aber Bildung nichtsdestotrotz.
Denn Wissen erlaubt nur, das zu sehen, was ist. Erst Bildung eröffnet den Blick auf das was noch nicht ist, aber sein könnte – auf die ungesungenen Lieder, die unpostulierten Theorien, das unerhörte, ungesehene. Das legendäre Grey Album ist nicht dadurch zu erklären, daß Danger Mouse ein so genialer Techniker wäre, der die Verhandlungen um die Nutzungsrechte so geschickt geführt hätte. Sondern dadurch, daß er sah was kein anderer sah, und danach handelte. Wissen – theoretisches und praktisches – ermöglicht das Handeln. Aber zu erkennen, daß da etwas wirklich Bedeutsames noch nicht gesagt, getan, gedacht wurde – das ohne ausreichende Bildung zu tun, ist kaum möglich.