Nein, ich glaube nicht an die alte Leier von der Dekadenz, vom Mangel an Schriftstellern, von der Sterilität des Denkens, von dem verhangenen und düsteren Horizont.
Ich glaube im Gegenteil, daß es eine Überfülle gibt. Und da wir nicht an einer Leere leiden, sondern daran, daß es zu wenig Mittel gibt, um all das zu denken, was geschieht. Und dies in einer Zeit, in der es einen Überfluß an Dingen gibt, die man wissen will: wesentliche und schreckliche, wunderbare, ulkige, winzig kleine und aussschlaaggebende, alles gleichzeitig. Und außerdem gibt es eine gewaltige Wißbegierde, ein Bedürfnis oder einen Wunsch nach Wissen. Man beklagt sich immer, daß die Medien die Leute manipulieren. Etwas Menschenverachtung steckt in dieser Vorstellung. Demgegenüber glaube ich, daß die leute reagieren; je mehr man sie überzeugen will, desto mehr stellen sie sich Fragen. Der Geist ist nicht weich wie Wachs. Er ist eine reaktive Substanz. Und der Wunsch, mehr und besser und anders zu wissen, wächst in dem Maße, wie man die Schädel vollstopft.
Wenn Sie das zugestehen und dem noch hinzufügen, daß sich an der Universität und anderswo eine Masse von Leuten bildet die als Drehscheibe zwischen dieser Masse von Dingen und dieser Wißbegierde dienen können, folgern Sie daraus schnell, daß die Arbeitslosigkeit der Studenten die absurdeste Sache ist, die es gibt. Des Problem besteht darin, die Informationskanäle, -brücken, -mittel, die Radio- und Fernsehnetze, die Zeitungen zu vervielfältigen.
Neugierde ist ein Laster, das zuerst vom Christentum, von der Philosophie und dann sogar von einer bestimmten Wissenschaftskonzeption stigmatisiert worden ist. Neugierde tändelt und beschäftigt sich mit Nichtigkeiten. Dennoch gefällt mir das Wort; es suggeriert mir etwas anderes: Es evoziert die “Sorge”; es evoziert, daß man sich um das, was existiert *und* was existieren könnte, bemüht; ein geschärfter Sinn fürs Wirkliche, der aber niemals vor ihm zur Ruhe kommt; eine Bereitschaft, das, was uns umgibt, fremd und einzigartig zu finden; eine gewisse Versessenheit, uns von dem uns Vertrauten zu lösen und die gleichen Dinge anders zu betrachten; eine Leidenschaft, das, was kommmt und geht, zu ergreifen; eine Ungezwungenheit hinsichtlich der traditioinellen Hierarchien von Wichtig und Wesentlich.
Ich träume von einem neuen Zeitalter der Wißbegierde. Man hat die technischen Mittel dazu; das Begehren ist da; die zu wissenden Dinge sind unendlich; es gibt die Leute, die sich mit dieser Arbeit beschäftigen möchten.
Aus: Focault, Michel: Der maskierte Philosoph (“Le philosophe masqué”, in: Le Monde, Le monde-dimanche, 6.4.1980).