Was ist der Bildungsstreik? Die Vielschichtigkeit, die Breite und die grundsätzliche Entscheidung für das Konsensprinzip führen dazu, daß das, was sich da entwickelt, nicht richtig ge- und erfaßt werden kann. Selbst Mitgliedern erschließt sich nur eine Facette des Ganzen.
Daher rühren zumindest zum Teil die Schwierigkeiten, mit dem Protest umzugehen – von Seiten der Studierenden genauso wie von Seiten der Politik oder Verwaltung.
Ein Element, das insbesondere in Österreich betont wurde und zu einem wesentlichen Teil der Außenwirkung des Bildungsstreiks beigetragen hat, ist die Bekenntnis zur Kunst. Dem selben Grundgedanken wie das Zentrum für politische Schönheit verpflichtet, erschließen sich SchülerInnen, Azubis, Studierende ihren eigenen Zugang zu Gesetzen und setzen sich kreativ mit System und Regelwerk auseinander. Eine holistischere, gesamtheitlichere Sicht der Dinge setzt sich durch und ist bestrebt, grau durch Farbe, scharfkantige Abgehacktheit durch Formenfülle zu ersetzen. Ideale, als Utopien verschrien, werden wieder zur Geltung gebracht.
Das ist die Gegenbewegung zur Ökonomisierung des Denkens, Handelns, Lebens. Innehalten, das kurzfristige Ziel loslassen, um den größeren Umfang des Gesamtzusammenhangs zu erfassen – die gesellschaftliche Dimension -, die Staffel der begrenzten, portionierten Projekte der freudvollen Entgleisung opfernd, um in lateralem Denken den Shortcut zu finden, der in eleganter Direktheit das zurückbringt, was den wirklichen Antrieb des Lehrens und Lernens bildet: Die Neugier.
Das zuzulassen, ist im Moment nicht geduldet. Repression beherrscht die Atmosphäre in besetzten Hörsälen genauso wie in raren Frei-Räumen. Und doch behauptet sich europaweit ein Impuls, der stark genug ist, um in diesen winzigen Nischen Faszination zu wecken, Energien bei Individuen freizusetzen, Veränderung zu vollziehen. Wo der Funke überspringt, lodert das Feuer. Und auch wenn es sofort erstickt wird: Wir sprechen mittlerweile von einem Flächenbrand. Oder, wie es Rainer von Vielen ausdrückt: Freiheit ist der Abstand zwischen Jäger und Gejagtem. Und da es unmöglich ist, uns komplett in Ketten zu legen, werden wir es immer schaffen, eine Handbreit Lebensraum zu behaupten.
Egal, wie viel geräumt wird: Es ist immer notwendig, uns, den Lernenden, gewisse Freiheiten zu geben, und sei der Druck durch Prüfungen und sonstige Regularien noch so hoch. Diese Freiheiten werden wir zu nutzen wissen, je kleiner sie werden, desto mehr.
Auf den folgenden Seiten werden unterschiedliche Seiten des Bildungsstreiks beleuchtet – subjektive, künstlerische, kreative Einsichten in die Vielgestalt dieser Bewegung: